/Plan.Quadrat. Ein hypothetischer Roman

Bildschirmfoto 2016-01-14 um 17.22.13Im Institut für Quantenmechanik geschieht Seltsames. Newton widmet sich einem Hummer. Eine Laborassistentin macht Quantensprünge. Und Ahorner versteht die Welt nicht mehr.

Plan.Quadrat. Ein hypothetischer Roman von Michael Kanofsky. Jetzt gedruckt und als E-Book. Im Buchhandel zu bestellen und auf Amazon.

Was soll ich lesen?

Was?

soll?

ich?

lesen?

Ja: was nur? Hier und heute: vor diesem illustren Publikum?

Vor Ihnen: den mit Papier und Bleistift und Literaturverstand bis unter die Brillengläser bewaffneten Kritikern?

Was habe ich denn im Angebot?

Was verdient, hier und jetzt vorgetragen zu werden?

Was ist noch nicht in den Papierkorb gewandert? Diesem gierigen Schlund für seitenweise begrabene Hoffnungen?

Was habe ich zu bieten?

Was geschrieben?

Was steckt drin in meinem literarischen Köcher?

Was ist wert, den hier versammelten Schriftstellern präsentiert zu werden?

Diesem offenen Forum unter die Augen zu treten, im fahlen Schein der krummgebeugten Lampe?

Was gibt mein Schreibtisch her? Und was mein Kopf?

Was kann ich hervor zaubern aus den Untiefen der Schubfächer und der Kästen?

Zettel.

Entwürfe.

Gekritzel.

Halbfertiges.

Anfänge.

Schund und Mist.

Oder was?

Und da liegt ja auch schon ein hübscher Text vor mir: eine Dystopie, so nennt sich das wohl, die ersten Seiten vom ersten Kapitel: darin werden Kriege geführt um das Kostbarste: das Wasser, es herrscht Endzeit, und die Menschen huschen geduckt durch staubige Städte, Wort für Wort, Zeile für Zeile, Seite für Seite gerate ich in unbekannte Welten hinein, verirre mich allerdings schon sehr bald, ob das wohl etwas ist, was ich lesen sollte? hier und heute? doch eher nicht.

Nun: vielleicht doch lieber eine Kurzgeschichte? wie eine von Böll? von Kunert? von Poe? oder gleich a modern short story á la Hemingway? Mit eleganten Frauen an den Tischchen der Straßencafés in der Rue de Rivoli und traurig blickenden Stieren mit blutigen Leibern? Mit Freiheitskämpfern vor Madrider Kathedralen und graugesichtigen Juntaoffizieren?

Oder besser ein Kapitelchen aus meinem Tatsachenroman über das Schicksal einer Kieler Sprotte im gepunkteten Reifröckchen? Ein hübsches Mädchen war das: ein wenig vorlaut hielt sie ihr Näschen in den steifen Ostseewind hinein. Damals: Weimarer Republik und so. Warum nur musste sie so jung sterben?

Was soll ich lesen?

Was nur?

Vielleicht die Kafka-Paraphrase? Ja! Die Kafka-Paraphrase! Düster und rätselhaft, das Ganze ein wenig tuberkulös, schwindsüchtig: hörst du das kehlige Husten des Kranken in seiner Bettstatt? Die Verwandlung2.0? Eine moderne Geschichte des Herrn K.?  Prag. Berlin. Und ein Sanatorium unweit von Wien. Das sind die Schauplätze meines Tausendseitenopus, das seit Jahr und Tag vor sich hin dümpelt, parabelhaft, ohne dass ein Weiterkommen in Sicht wäre. Dabei wäre es die Sache wert. Aber wie weiter? Wie weiter?

Nun dann: ein Kriminalroman! Mit Plot und Figuren und Handlungslogik und allem Pipapo. Filmreif vom Protagonisten bis zum point of no return. Das wäre doch was für einen dekorativen Hochglanzstapel in Frankfurt oder Leipzig! Und ideal zum Vortrag zu bringen. Aber ist dies Genre wirklich dein Fach? Du fragst dich das und kratzt dich am Kinn: nachdenkend.

Jetzt aber drängt sich der Anfang eines Schauerromans auf: da fahren die Postkutschen durch knorrige Wäldchen, und in den Verliesen dürsten sie nach Licht und Leben. Es kommen vor allem Friedhöfe und Grüfte und halbverfallene Schlösser darin vor. Schatten und Lord Byron. Ein schnurbärtiger Marquis zückt das Schwert und springt auf seinem Gaul davon. Das Mädchen, das er liebt, ist in den Fängen eines grauenvollen Grafen aus Litauen!

Auch eine Familiengeschichte liegt vor. Traurig. Mit Bergen-Belsen und Gestapo. Ein Kapitel daraus? Flucht und Vertreibung und ein Neuanfang in einer großen Stadt?

Es empfehlen sich zudem: ein Nachruf zu Lebzeiten, eine prosahafte Annäherung an Heinrich Mann, ein ETA Hofmann-Verschnitt sowie die kuriosen Memoiren eines Irren (sechzig Seiten, eng beschrieben, wirklich sehr eng und in winziger Schrift).

Oder: ein Kurzroman nach Manier des verzettelten Herrn Schmid, dem Arno aus Bargfeld: Seelandschaften müssen da sein und ein paar versoffene Kriegsversehrte, Heimkehrer aus dem WK Zwo: aber er wäre schwer zu lesen dieser Text: voller Klammern Einschübe Querverweise Zitate. Ich lass das lieber, versuche mich an etwas anderem:

Eine Lovestory z.B. Mit gepfefferter Erotik, wie das ja en vogue ist derzeit. Die Herren tragen feinen Zwirn aus Mailand, sündteure Budapester und Zorromasken. Die Lippen der Frauen sind voll und rot. Ein wenig gepeitscht wird auch in diesem erregenden Abenteuer, das versteht sich von selbst.

Was soll ich lesen?

Was nur?

Erinnerungen: in Prosa gegossen. Zum Beispiel. Das wär doch was. Erzählt mit der gebotenen Künstlichkeit, sonst wird´s bloß Kitsch. Du gehst weit zurück. Uferst aus. Schreibst erst mit Kinderaugen, dann aus Vaters Sicht und Mutters Perspektive. Das ist wie diese sepiafarbenen wurmstichigen Fotos in ihren ziselierten Rähmchen. Eine Geschichte. Eine Erzählung. Von Anfang bis zum Ende. Oder rückwärts erzählt? Hintenrum und mit verschiedenen Ebenen? Aber Achtung: vergiss nie die Einheit von Zeit und Raum. Und denke immer an den guten Tschechow: Kommt eine Pistole vor, so muss sie auch verwendet werden! Wie wahr.

Oder etwas in der Art der Petersburger Dichter? die mit bleichen Gesichtern unrasiert in ihren schummrigen Buden hocken, mit der Miete natürlich wieder um Monate im Rückstand bei der schimpfenden Hauswirtin, ein Novellchen vielleicht, darin es um die verschmähte Liebe eines jungen Mannes zu einer Dame der Gesellschaft geht, er hat sein Erbe durchgebracht und immense Spielschulden. Erzählt wird dies alles vor den lackblauen Himmeln über dem stolzen Newafluss, das wäre doch wunderhübsch zu lesen, nicht wahr?

Was hättest du denn noch zu bieten?

Denke doch einmal nach.

Vielleicht dein kunstreiches Imitat eines Nouveau Roman? etwas spröde und immens deskriptiv, gefordert ist die totale Subjektivität, das Festhalten des Moments, Verdinglichung, Gegenständlichkeit, die Konzentration auf Ort und Struktur und so weiter, aber das wird dir nicht gelingen, das wird nichts, das ist zu komplex, dies zu schreiben, dies zu lesen dann, und das Publikum hier würde dein Werk wohl nur ermüden.

Also doch lieber der ganzganzgroße Wurf: in der Art von Dickens! wie Bleak House etcetera pp. Eine Wüste aus Blei, aber voller Leben! Den ersten Satz, den habe ich schon: An einem Dienstagmorgen, es war Frühherbst und in den Parks von Winchester zeigten sich die Bäume schon gelb und rot, trat ein schlanker Herr aus einem windschiefen Haus auf die Gasse hinaus. Er schwang sein Spazierstöckchen und schritt munter aus. Der Mann, er trug einen schwarzverknautschten Deckel auf dem Kopf, wandte sich in Richtung der Platanenallee und grüßte den einen oder anderen der Vorüberkommenden. So weit, so gut, das klingt nicht schlecht: aber wie geht´s nun weiter mit dem Romanwerk? Zum Lesen ist´s für heut zu wenig, und bis der Roman denn einmal fertig ist, dürften wohl noch einige Jährchen ins Land gehen. Ob ich wohl die Zeit dafür habe?

Dann also Lyrik! Das ist kürzer. Das geht geschwinder. Vielleicht wie die Futuristen? Oder die Dadaisten? Du hättest nichts von Ball, Schwitters oder Mehring lesen sollen: jetzt bist du irritiert und verwirrt und konfus und kommst nicht weiter mit deinen eigenen Gedichten. Du bist doch kein Lyriker, oder? Ein Poet vielleicht, das ja, das bist du immer, auch wenn du Prosa schreibst, aber ein Lyriker? Also wieder nichts, was sich zum Vortrag eignen würde, hier und heute.

Was soll ich lesen?

Was nur?

Lies doch etwas ganzganz Eigenes! Wozu die Vorbilder? Wozu dies Nach-Schreiben? Warum dieses imitieren und jenes paraphrasieren? Nicht: wie Beckett, wie Handke, wie Irving, wie Gogol, wie Dickens. Sondern nur: wie du, wie du, wie du. Wie du und sonst wie niemand. Das schreibst du. Und das liest du. Das nächste Mal dann. Für heute war es das wohl erst einmal.

(vorgetragen im März und April 2017, Gesellschaft für neue Literatur und Autorenforum Berlin)

/summa summarum – eine bilanz

6000 aegyptische pfund verlor ich in einer gefuerchteten spielhoelle in kairo (aegypten) an zwei ausgebuffte halunken mit stechenden augen

5 euro blechte ich an einer zirrothischen pommesbude in berlin prenzlauerberg (deutschland) fuer eine portion schwerverdauliche currywurst mit fettfritten

400 afghani zahlte ich in einer rigoros gottesfuerchtigen kaschemme in kabul (afghanistan) fuer einen klebrigen maisfladen mit hammelragout

250 dalasi kassierte der unhoefliche kellner in einer abgefuckten hotelbar in banjul (gambia) fuer ein glas lauwarme coke

150 rupiah gingen in einem sinistren restaurant in jakarta (indonesien) fuer eine flasche ungenießbaren reisschnaps drauf

700 kronen kostete mich ein teller gebeizter lachs mit minzsauce in einem beliebten touristenlokal an der hogangattan in oslo (norwegen)

180 balba wurde ich in panama city (panama) fuer einen mehr als daemlichen weißen schlapphut mit weißer krempe los

4 britische pfund loehnte ich in einem obskuren pub in leeds (england) fuer zwei pints schales ale der marke haniston

50 gulden musste ich an einer ausgesprochen oeden tankstelle in leyden (holland) fuer eine fuellung diesel hinblaettern

6000 sloty waren in einem heruntergekommenen lebensmittelgeschaeft in krakow (polen) fuer eine flasche fusel zu entrichten

32 francs musste ich in einer halbseidenen promibar in bordeaux
(frankreich) fuer ein glaeschen korkelnden vin rouge lockermachen

10000 rubel kosteten mich in moskau (russland) ein belugadinner und fuenf runden vodka mit zwei abgehalfterten belorussischen mafiosi

5000 drachmen musste ich auf einem markt in thessaloniki (griechenland) fuer ein paar miserabel verarbeitete filzlatschen springen lassen

30000 lek waren in einem kuriosen restaurant am skanderbegplatz in tirana (albanien) fuer eine portion reis mit gruenen bohnen faellig

300 dirham bezahlte ich in einem saubloeden andenkenladen in rabat (marokko) fuer eine sagenhaft geschmacklos gemusterte schafwolldecke

5000 dinar loehnte ich in einer drittklassigen absteige in tripolis (lybien) fuer ein alles andere als gesundheitlich ausgewogenes fruehstueck

2500 birr wanderten in einer garkueche in addis abeba (aethopien) fuer einen halbvollen napf hafergruetze ueber den tisch

900 leu kostete mich eine stunde mit einer ehemaligen schoenheitskoenigin namens natascha in einem verlausten puff in konstanza (rumaenien)

60000 ouguiya entrichtete ich fuer einen aeußerst anstrengenden zweistuendigen kamelritt in nouakchott (mauretanien)

4000 kap verde escudos waren in einem ueberfuellten strandcafe in praia (kap verde) fuer einen teller saure gurkensuppe faellig

732 leone beglich ich nach einem verloren gegangenen huetchenspiel mit fanatisierten freischaerlern in freetown (sierra leone)

630 cedi kostete mich ein verdammt mies bewachter parkplatz in der ausgesprochen dubiosen altstadt von accra (ghana)

13 usdollar musste ich in einem schaebigen vorortdiner in seattle (usa) fuer einen doppelten dafuer pappigen cheeseburger und zwei dosen michelob cashen

60 dong bezahlte ich in einem grottenschlechten speiselokal in hanoi (vietnam) fuer eine halbe portion gedaempften rehpinscher mit glasnudeln

300 austral wollte man in einem dreisterneschuppen in buenos aires (argentinien) fuer die sichere verwahrung meines ebenso alten wie flaschengruenen reisekoffers

110 tansania schillling durfte ich in daressalem (tansania) fuer die ausnehmend sinnlose besichtigung eines zweifelhaften heldendenkmals anlegen

120 riyal kostete mich ein laengst faelliges telefonat in die heimat in einer leider stark frequentierten telefonzelle in doha (katar)

51000 lilangeni waren in mbabane (swasiland) fuer die obligatorische teilnahme an einer langweiligen vorfuehrung landestypischer folklore hinzublaettern

40 zypernpfund musste ich in einer sattsam bekannten unterweltbar in nikosia (zypern) fuer eine halbe pulle zypriotischen schampus auf den tisch knallen

1400 schekel bezahlte ich in einem koshershop in der dizengoffstrasse in tel aviv (irsrael) fuer sechs makabeebier und einmal falafel

110 rupien durfte ich in colombo (sri lanka) fuer einen halbstuendigen ausritt auf einem heiligen aber mueden elefanten verbraten

1000 baht musste ich in einem importexportbazar in bangkok (thailand) fuer ein schlecht gemachtes roleximitat hinlegen

7000 pesos investierte ich in einem schnellimbiss in einem touristenviertel von mexiko city (mexiko) fuer eine portion absolut ungenießbares burito nach gauchoart

7300 quetzal waren in guatemala city (guatemala) fuer zwei naechte in einem stinkenden und klapperschlangenverseuchten fernfahrermotel aufzubringen

4000 cruzado kostete mich der eintritt in eine schraege salsabar in einem lebensgefaehrlichen stadtteil von sao paulo (brasilien)

380 yen verlangte eine schon etwas betagte geisha in tokio (japan) fuer eine ordentliche abreibung mit einer anschließenden kalten dusche von mir

8000 yuan musste ich fuer den dreistuendigen ausflug zu einer sensationell makaberen tempelanlage in tientsin (china) aufwenden

2700 lempira nahm man mir in tegucigalpa (honduras) fuer einen miserablen eintopf aus hirse kalmuecken huehnerkacke und anderen regionalen spezialitaeten

390 schweizer franken musste ich in zuerich (schweiz) fuer ein mittelpraechtiges hinterhofhotelzimmer ohne service und fruehstueck berappen

(konjunkturbedingte schwankungen, inflationsbereinigter text)

/Mein Hörspiel „zukunft, re-visited“ jetzt auch auf CD zum Buch „Hörspielplätze – Positionen der Hörspielkunst“

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Krieg der Welten, Sie leben!, Formicula, The Fog – Nebel des Grauens: Das Hörspiel zukunft, re-visited versetzt uns in die stereotype Welt klassischer und zeit-genössischer utopischer Romane und Filme und beschäftigt sich auf sprachlich-spielerischer Ebene mit den immer wieder kehrenden Topoi solcher Stoffe. zukunft, re-visited versteht sich als Manual für die Produktion, als Bauanleitung für einen utopischen Roman und/oder Film, dessen Basis eben jene Stereotypien sind, die uns bei Genres dieser Art immer wieder faszinieren.

Konzeption, Text, Regie: Michael Kanofsky
Produktion: Tonstudio Holly Wien/Musik: S. Joly
Sprecher: Monika Freisfeld-Pampel, Wolfgang Pampel, Detlef Eckstein, Peter Wolfsberger
Länge: 14,56 Minuten

Das Hörspiel hat den 2. Preis beim Leipziger Hörspielsommer 2007 gewonnen.  Beim Berliner Hörspielfestival 2010 wurde zukunft, re-visited mit dem „Kurzen Brennenden Mikro – 3. Platz“ ausgezeichnet. zukunft, re-visited wurde  jetzt auch in der 20-Minuten-Langfassung  auf einer Sammel-CD zu dem Buch „Hörspielplätze – Positionen zur Hörspielkunst“ (Leipzig, 2011) veröffentlicht.

/Tour d´Amour

In Bruxelles liebte ich eine schüchterne Pralinenverkäuferin.

In London eine ziemlich gebildete Nymphomanin.

In Paris eine einfache Frau aus dem Volke.

In Zürich eine verwirrte Bibliothekarin.

In Veitshöchheim eine quirlige Quasselstrippe.

In Amsterdam eine Kirchgängerin mit lila Hütchen.

In Palermo eine geschiedene Frischgemüsehändlerin.

In Kassel ein Karriereweib mit Putzfimmel.

In Padua eine Pragmatikerin mit einer fatalen Neigung zum Obszönen.

In Deauville eine verkrachte Existenz mit roten Haaren.

In Cambridge eine Physikerin mit zwei linken Händen.

In Barcelona eine Revolutionärin mit Kopftuch.

In Weimar eine sächselnde Ex-Schönheitskönigin.

In Rom eine morphinsüchtige Gräfin.

In Prag eine Frau in weiß.

In Berlin eine tobsüchtige Vegetarierin vom Prenzlauer Berg.

In Manchester eine vergessliche Modistin.

In Madrid eine Primadonna mit untadeligen Manieren.

In Oslo eine perfekt gebaute Bierlokalkellnerin.

In Potsdam ein Vollweib mit allem Drum und Dran.

In Helsinki eine übergewichtige Rentierzüchtersgattin.

In Cannes eine Platinblonde mit Atombusen.

In Bukarest eine spätberufene Bildhauerin mit klobigen Pratzen.

In Brindisi eine Mannstolle im Faltenröckchen.

In Furth im Wald eine Gutgläubige mit strenger Mama.

In Tanger eine Exotin von Format.

In Edinburg eine rothaarige Furie mit immenser Erbschaft.

In Montreux ein durch und durch gschlampertes Luder.

In Pamplona eine Tapas-Köchin mit vier Kindern.

In Neustrehlitz ein Paradeweib mit Eigentumswohnung und Irish Setter.

In Kaliningrad eine russisch-orthodoxe Kolchosbäuerin.

In Dinkelsbühl eine versoffene Imbissbudenbesitzerin.

In Györ eine tagebuchschreibende Kammerzofe.

In Warschau eine tiefgläubige Phantastin.

In Glasgow eine kuriose Lebenskünstlerin mit abstehenden Ohren.

In Eckernförde ein stummes Kaufmannstöchterchen.

In Bilbao eine wankelmütige Schwarzhaarige.

In Ravenna eine Möchtegernhollywoodschauspielerin.

In Kopenhagen eine kunstbeflissene Egoistin.

In Furtwangen eine berechnende Hobbyphilosophin.

/From Earth to Space, from Space to Earth.

Jeder kennt Juri Gagarin, Neil Armstrong oder Ulf Merbold. Aber wer waren und sind die anderen? Männer und Frauen im Weltraum. Von Wostok1 über Mercury, Sojus und Apollo bis zu MIR und ISS. Zum Weltraumspaziergang check in here.

/In memory of the people of the Titanic

Vor 100 Jahren, am 14. April 1912, sank die Titanic.

An Bord: 2.200 Passagiere der 1., 2. und 3. Klasse und die Crew-Mitglieder.

In Erinnerung an diese Menschen – egal ob Verstorbene oder Überlebende – habe ich für jede einzelne Person eine Gedenk-Namenskarte geschrieben. Name für Name steht hier für ein ganzes, individuelles Leben. Die Namen basieren auf dem Buch von Tom McCluskie, Michael Sharpe und Leo Marriott: Titanic and her Sisters Olympic & Britannic, London 1998. Für einen optimalen Bildeindruck am besten den „Vollbild“-Modus wählen.

Die Crew

Passagiere 1. Klasse

Passagiere 2. Klasse

Passagiere 3. Klasse, britische Nationalität, eingeschifft in Southhampton

Passagiere 3. Klasse, nicht-britische Nationalität, eingeschifft in Southhampton

Passagiere 3. Klasse, nicht-britische Nationalität, eingeschifft in Cherbourg

Passagiere 3. Klasse, nicht-britische Nationalität, eingeschifft in Queenstown, Irland

/schöne tage in berlin

In Oberschönweide und in Hohenschönhausen.

In Schöneberg und in Schönefeld.

Am Schönauer Platz und in der Schönfließer Straße.

In Alt-Schönow und auf der Alten Schönhauser Straße.

Im Volkspark Schöneberg und im Schlosspark Niederschönhausen.

Auf der Schönhauser Allee und auf der Schönholzer Straße.

Im Rathaus Schöneberg und im Schloss Schönhausen.

Am Schönhauser Tor und in der Schönower Straße.

In der Schönstedtstraße und auf der Schönwalder Straßenbrücke.

Im Schönebergmuseum und auf dem Alten Schönefelder Weg.

Auf dem Schönerlinder Weg und in der Schönleinstraße.

In Hohenschönhausen und am Arnold Schönberg-Platz.

Auf der Schönerfelder Chaussee und auf der Schöneberger Brücke.

In Schöneiche und in Schöneweide.

/Operation Overlord

eine worttopografie

namenlose dörfer

kleine ortschaften

verschlafene weiler

badeorte

städte

als die alliierten truppen am 6. Juni 1944 mit der landung in nordfrankreich zu einem der entscheidenden schläge gegen die nazidiktatur ausholten fanden viele der schlachten und scharmützel im rahmen der am 25. august mit der befreiung von Paris endenden operationen in und um zahllose ortschaften in der normandie und in der bretagne statt

so manche namen wie dünkirchen caen oder cherbourg kennt man aus dem geschichtsunterricht

aber was ist mit den vielen anderen orten (und den menschen die dort lebten) die namenlos geblieben sind

im rahmen meines worttopografieprojektes d-day habe ich diese namen im sinne eines künstlerischen erinnerungsprozesses als textzeichen bewahrt

schreibweise und visuelles erscheinungsbild wurden dabei behutsam verfremdet auf die französischen akzentzeichen wurde bewusst verzichtet

als quelle diente mir das hervorragende buch „D-Day“ von Antony Beevor, London 2009

besuchen sie d-day/operation overlord hier (am besten im Vollbildmodus).

/Ausnahmezustand

Seit ich unter erheblichen Zwischenhocheinfluß geraten bin, ist nichts mehr wie es war. In meinem Hirn nisten bunte Luftballone. In meinen Ohren klingt unentwegt die Neunte von Ludwig v.B. Mein Blick ist stierig geworden oder glasig, ganz wie Sie wollen. Mein Gang ist watschelnd. Unsicher, geradezu stümperhaft komme ich daher. Meine Zunge hängt mir aus dem Mund. Die Knie zittern. Mit meinen Segelohren sehe ich aus wie ein Dorfdepp. Das Hoch heißt Christina, es ist brunette und mit einer kollossalen Oberweite ausgestattet. Wirklich beeindruckend.

Über Caracas tobt der Taifun. In Vietnam Dürre. In Miami schlottern die Rentner im Eisregen. In Mozambik kommen Heuschrecken vom Himmel. Und in Leobersdorf machen die Schafe dummes Zeug. Gegen die Luftballone könne man nichts machen, sagt der Herr Doktor. Solange es keine blauschwarzen sind, sei nichts zu befürchten, sagt der Herr Doktor. Ich erwarte Tief Peter. Wenn die Kaltfront kommt, verschwinden die Luftballone aus dem Kopf und es ist wieder Platz zum Denken. Im Moment hat allerdings ein heftiger Antizyklon das Sagen. Vergeblich suche ich den Himmel nach Stratocumulus&Co. ab. Nichts. Keine Spur davon. Und in Miami laufen die Leut Schlittschuh! Wie soll man sich unter diesen widrigen Umständen den ungeklärten Fragen der Föhnforschung widmen? Wenn das Packeis schmilzt, haben wir auch im Café Prückel nichts mehr zu lachen. So viel steht fest. Und niemand will sich mehr an die Bauernregeln halten, am allerwenigsten die Bauern selbst mit ihren Steckrüben und Kohlköpfen. In Trinidad hält man Rum für das beste Rezept gegen Klima-Unbill, in Nairobi dürfen die Frauen bei miesem Wetter Seifenopern im TV anschauen, die Herren der Schöpfung rennen derweil ins Puff und kommen krank nach Hause zurück in die Strohhütte, die Inuit versorgen sich mit Robbenfleisch, so lange noch Zeit dazu ist. Katastrophales Wetter in Rheinland-Pfalz: Hagelkörner in Straußeneigröße kommen laut BILD herunter und sorgen für Chaos auf den Straßen. Verabredungen platzen, Termine scheitern, Autos suchen Geborgenheit auf dem Standstreifen. Die Feuerwehr muß ausrücken. Saufen sei jetzt ganz schlecht, sagt der Herr Dottore. Man müsse abwarten. Liebe sei vielleicht zu empfehlen. Lange Spaziergänge. Auf keinen Fall gebe man sich kunsthistorischen oder philosophischen Betrachtungen hin, und unter gar keinen Umständen der Dichtkunst. Als Föhnforscher sei ich ohnehin besonders gefährdet, sagt der Gott in weiß.

An der Wetterstation in Königsberg beziehungsweise Kaliningrad hält man sich kategorisch an keinerlei Vorhersagen. Auf der Zugspitze spielt das Barometer verrückt. Der Hygrometer in Binz auf Rügen ist ausgefallen. Die Diplommeterologin als Ahungslosigkeit in Person. Hauptsache, die Bluse sitzt. Im Beisl bestelle ich mir ein Krügerl und ein Schweinscordon mit allem Drum und Dran. Auf keinen Fall werde ich klein beigeben. Tropisches Reizklima, na und! Her mit dem Blunzengröstl! Die NASA schießt Spezialsatelliten in den Orbit, denen nichts mehr entgeht. In Bejing wischt sich der Große Vorsitzende den Schweiß von der Stirn. Die Wetterfee ist blond und knackig und im vierten Monat.

Im Beisl schwirren die Rauchschwaden wie Cirruswölkchen über der Schank. Ob ein Schnapserl hilft, das Schweinscordon ordnungsgemäß in den Stoffwechsel zu bringen? Der Wirt sagt, wenn der Polarbär seine Heimat verliert, könne auch er seinen Laden hier dicht machen. Das Klima stimme nicht mehr. Weder am Pol noch in Wien-Hernals. Überall Wetterstürze, Störungen, Erwärmungen. Und auf der Hohen Warte feiern sie das Sauwetter mit schweinischen Witzen. Die Prognose sei nicht schlecht, sagt der Herr Doktor. In einer Woche, vielleicht auch in zwei würde alles anders aussehen, sagt der Weißkittelakademiker, zu dem ich nun schon seit 15 Jahren wegen meiner vielen unerträglichen Zipperlein renne. Die Sprechstundenhilfe des Quacksalbers hat ein Gesicht wie ein Wetterfrosch. Im Wartezimmer summt die Klimaanlage. Die Patienten haben dunkle Schweißflecken unter den Achseln. An der Wand ein anatomischer Querschnitt, der für Hypochonder wie mich nicht gerade das Wahre ist. Die ausliegende Presse ist zwei Jahre alt. Diese Monaco-Prinzessin hat auch schon mal besser ausgesehen. Als Föhnforscher steht man immer kurz vor dem Irrsinn. Aber unser Herr Dottore beruhigt. Alles halb so wild. Das Mikroklima wirkt direkt auf die Hypophyse, das sei nun einmal eine erwiesene Tatsache. In Washington tanzen Kinder in einem Brunnen. Ein Hydrant speit Wasser. Ein Rentnerehepaar kollabiert in seinem Wohnwagen in Stockton, Ohio. Der Wirt sagt, wenn das so weiter geht, würde er mit der Kellnerin auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Timbuktu. Onewayticket. Trockenes Wüstenklima. Ungesund zwar, aber immer noch besser als das Klima hier in diesem Land. Mit der Kellnerin hätte er schon gesprochen, sagt der Wirt, und seiner Frau würde er noch rechtzeitig Bescheid geben. Am Abreisetag. Der Umweltminister hält eine Rede vor Klimaexperten. Ja. Nein. Man werde alles tun. Selbstverständlich. Die Werte müssen runter. Die Parameter geändert werden. Vielen Dank, meine sehr verehrten Damen und Herren. Das Schweinscordon liegt schwer im Magen. Noch ein Krügerl, bitte. Die Polkappen sehen gar nicht gut aus im Fernsehen. Das Walroß denkt sich seinen Teil und taucht in tiefere Gewässer ab. Der Eskimo haut seinem Jungen eine runter, weil der schon zum fünften Mal mit der Harpune auf die Großmutter geschossen hat. In Ostbengalen bricht ein Vulkan aus, dessen Namen weder ich noch der Wirt aussprechen kann. Die Kellnerin hat einen strammen Hintern. Keine Ahnung, warum ich ausgerechnet Föhnforscher geworden bin. Ich finde immerhin, die Tätigkeit harmoniert ausgezeichnet mit meinen Segelohren und meinem Watschelgang. Der Wirt stellt einen Ribisellikör auf den Tisch und kneift der Kellnerin in den Hintern. Die Großwetterlage bleibt unverändert, dröhnt es aus dem Radioapparat, und ich mache, dass ich davon komme.

Unter der Schädeldecke stauen sich die Luftballone. Der Mund ist trocken. Die Augen brennen. Das Schweinscordon ist ebenso in Arbeit wie die Auslage des Dessousgeschäftes, an dem ich gerade vorbei komme. Werden diese Bikinis tatsächlich immer knapper? Allerdings paßt der Stringtanga am besten zur jetzt herrschenden meteorologischen Gesamtsituation, sicher besser als mein T-Shirt, das sich unangenehm schweißtreibend auf den mit Schweinscordonbleu gefüllten Bauch preßt. Ob die Wetterfee einen Freund hat? Immerhin soll sie schwanger sein. Sagt man. Die globale Erwärmung ist auch Thema in der Regierungssitzung. In den Regenwälder singen die Kakadus, und die Großgrundbesitzer brennen alles nieder. Ein Wetterexperte aus Italien gibt einen Überblick über die Situation. Tabellen. Schaubilder. Diagramme. Mir schwirrt der Kopf. Vielleicht hilft eine kalte Dusche. Im Kühlschrank gähnende Leere. Das Erdbeermarmelade: verschimmelt. Die Extrawurst: verdorben. Der Almkäse: vertrocknet. Wenigstens ist noch Bier im Haus. Sehen sich diese beiden Wetterfeen wirklich so ähnlich oder handelt es sich um eine optische Täuschung, verursacht durch Hoch Christina?

Im Kaukasus hat das Tauwetter zu Problemen auf den Ölfeldern geführt. Der Vorarbeiter scheißt einen zusammen, der gar nichts dafür kann, und die Bosse der Ölcompany sind stinksauer. Hundewetter. Scheißwetter. Dreckwetter. Und bei uns? Der Wetterdienst spricht von anhaltender Hochdrucklage. Und jeder Föhnforscher sei dazu aufgerufen, an der Lösung des Problems mitzuhelfen. Auf CNN ist das Wetter besser. Da geht es um die ganze Welt, nicht nur um einen geografischen Ausschnitt. Von Adnang-Puchheim nichts zu sehen. Dafür eine hübsche Animation von diesem Taifun in Caracas, der ganze Häuser vom Erdboden gesaugt hat und bereits 300 Menschen auf dem Gewissen haben soll. In einer Turnhalle verzweifelte Gesichter. Es gibt Maisbrei und Wasser. Die Frauen sind besorgt. Die Männer raufen sich die Haare. Wenn der Wirt geht, wo soll ich dann mein Schweinscordon essen? Ob es inzwischen wieder mobile Klimageräte gibt? Vielleicht noch einmal zum Herrn Doktor?

Draußen auf der Straße kein Mensch zu sehen. Staubiger Asphalt. Flirrende Luft. Gleich kommt Gary Cooper um die Ecke. Ich schmeiße eine Aspirin in ein Glas Wasser und warte ab. Ein armer Teufel hat sich in der Bronx mit einem Feuerwehrmann angelegt, der einen offenen Hydranten wieder zudrehen wollte. Wahnsinn. Die sind nicht gerade zimperlich in den Staaten. Zack. Peng. Im Kulturkanal ein Film über ungewöhnliches Wetterleuchten. Und die Wohnung schaut aus wie nach einem Erdrutsch. Eine große Moräne aus Wäschestücken hat sich über dem Sofa ausgebreitet. Auf dem Fußboden Staubmäuse in der Größe geklonter Mutanten. Im Badezimmer sorgen 16 (in Worten: sechszehn) Paar ebenso unsortierter wie ungewaschener Socken für ein Raumklima ganz eigener Art. Der Mülleimer hat frappierende Ähnlichkeit mit jener Müllkippe, die gestern in den Nachrichten präsentiert wurde, nur die Möwen fehlen. Es ist acht Uhr am Abend und noch immer so heiß wie am Mittag. Wenn der Föhn zusammenbricht, werde ich ein Faß aufmachen. Hoffentlich gibt´s das Beisl und den Wirten dann noch und die Kellnerin und die Frau des Wirten. Morgen wird jedenfalls ein Kältespender gekauft. Irgendwo muß ja noch einer aufzutreiben sein.