/Plan.Quadrat. Ein hypothetischer Roman

Bildschirmfoto 2016-01-14 um 17.22.13Im Institut für Quantenmechanik geschieht Seltsames. Newton widmet sich einem Hummer. Eine Laborassistentin macht Quantensprünge. Und Ahorner versteht die Welt nicht mehr.

Plan.Quadrat. Ein hypothetischer Roman von Michael Kanofsky. Jetzt gedruckt und als E-Book. Im Buchhandel zu bestellen und auf Amazon.

/summa summarum – eine bilanz

6000 aegyptische pfund verlor ich in einer gefuerchteten spielhoelle in kairo (aegypten) an zwei ausgebuffte halunken mit stechenden augen

5 euro blechte ich an einer zirrothischen pommesbude in berlin prenzlauerberg (deutschland) fuer eine portion schwerverdauliche currywurst mit fettfritten

400 afghani zahlte ich in einer rigoros gottesfuerchtigen kaschemme in kabul (afghanistan) fuer einen klebrigen maisfladen mit hammelragout

250 dalasi kassierte der unhoefliche kellner in einer abgefuckten hotelbar in banjul (gambia) fuer ein glas lauwarme coke

150 rupiah gingen in einem sinistren restaurant in jakarta (indonesien) fuer eine flasche ungenießbaren reisschnaps drauf

700 kronen kostete mich ein teller gebeizter lachs mit minzsauce in einem beliebten touristenlokal an der hogangattan in oslo (norwegen)

180 balba wurde ich in panama city (panama) fuer einen mehr als daemlichen weißen schlapphut mit weißer krempe los

4 britische pfund loehnte ich in einem obskuren pub in leeds (england) fuer zwei pints schales ale der marke haniston

50 gulden musste ich an einer ausgesprochen oeden tankstelle in leyden (holland) fuer eine fuellung diesel hinblaettern

6000 sloty waren in einem heruntergekommenen lebensmittelgeschaeft in krakow (polen) fuer eine flasche fusel zu entrichten

32 francs musste ich in einer halbseidenen promibar in bordeaux
(frankreich) fuer ein glaeschen korkelnden vin rouge lockermachen

10000 rubel kosteten mich in moskau (russland) ein belugadinner und fuenf runden vodka mit zwei abgehalfterten belorussischen mafiosi

5000 drachmen musste ich auf einem markt in thessaloniki (griechenland) fuer ein paar miserabel verarbeitete filzlatschen springen lassen

30000 lek waren in einem kuriosen restaurant am skanderbegplatz in tirana (albanien) fuer eine portion reis mit gruenen bohnen faellig

300 dirham bezahlte ich in einem saubloeden andenkenladen in rabat (marokko) fuer eine sagenhaft geschmacklos gemusterte schafwolldecke

5000 dinar loehnte ich in einer drittklassigen absteige in tripolis (lybien) fuer ein alles andere als gesundheitlich ausgewogenes fruehstueck

2500 birr wanderten in einer garkueche in addis abeba (aethopien) fuer einen halbvollen napf hafergruetze ueber den tisch

900 leu kostete mich eine stunde mit einer ehemaligen schoenheitskoenigin namens natascha in einem verlausten puff in konstanza (rumaenien)

60000 ouguiya entrichtete ich fuer einen aeußerst anstrengenden zweistuendigen kamelritt in nouakchott (mauretanien)

4000 kap verde escudos waren in einem ueberfuellten strandcafe in praia (kap verde) fuer einen teller saure gurkensuppe faellig

732 leone beglich ich nach einem verloren gegangenen huetchenspiel mit fanatisierten freischaerlern in freetown (sierra leone)

630 cedi kostete mich ein verdammt mies bewachter parkplatz in der ausgesprochen dubiosen altstadt von accra (ghana)

13 usdollar musste ich in einem schaebigen vorortdiner in seattle (usa) fuer einen doppelten dafuer pappigen cheeseburger und zwei dosen michelob cashen

60 dong bezahlte ich in einem grottenschlechten speiselokal in hanoi (vietnam) fuer eine halbe portion gedaempften rehpinscher mit glasnudeln

300 austral wollte man in einem dreisterneschuppen in buenos aires (argentinien) fuer die sichere verwahrung meines ebenso alten wie flaschengruenen reisekoffers

110 tansania schillling durfte ich in daressalem (tansania) fuer die ausnehmend sinnlose besichtigung eines zweifelhaften heldendenkmals anlegen

120 riyal kostete mich ein laengst faelliges telefonat in die heimat in einer leider stark frequentierten telefonzelle in doha (katar)

51000 lilangeni waren in mbabane (swasiland) fuer die obligatorische teilnahme an einer langweiligen vorfuehrung landestypischer folklore hinzublaettern

40 zypernpfund musste ich in einer sattsam bekannten unterweltbar in nikosia (zypern) fuer eine halbe pulle zypriotischen schampus auf den tisch knallen

1400 schekel bezahlte ich in einem koshershop in der dizengoffstrasse in tel aviv (irsrael) fuer sechs makabeebier und einmal falafel

110 rupien durfte ich in colombo (sri lanka) fuer einen halbstuendigen ausritt auf einem heiligen aber mueden elefanten verbraten

1000 baht musste ich in einem importexportbazar in bangkok (thailand) fuer ein schlecht gemachtes roleximitat hinlegen

7000 pesos investierte ich in einem schnellimbiss in einem touristenviertel von mexiko city (mexiko) fuer eine portion absolut ungenießbares burito nach gauchoart

7300 quetzal waren in guatemala city (guatemala) fuer zwei naechte in einem stinkenden und klapperschlangenverseuchten fernfahrermotel aufzubringen

4000 cruzado kostete mich der eintritt in eine schraege salsabar in einem lebensgefaehrlichen stadtteil von sao paulo (brasilien)

380 yen verlangte eine schon etwas betagte geisha in tokio (japan) fuer eine ordentliche abreibung mit einer anschließenden kalten dusche von mir

8000 yuan musste ich fuer den dreistuendigen ausflug zu einer sensationell makaberen tempelanlage in tientsin (china) aufwenden

2700 lempira nahm man mir in tegucigalpa (honduras) fuer einen miserablen eintopf aus hirse kalmuecken huehnerkacke und anderen regionalen spezialitaeten

390 schweizer franken musste ich in zuerich (schweiz) fuer ein mittelpraechtiges hinterhofhotelzimmer ohne service und fruehstueck berappen

(konjunkturbedingte schwankungen, inflationsbereinigter text)

/From Earth to Space, from Space to Earth.

Jeder kennt Juri Gagarin, Neil Armstrong oder Ulf Merbold. Aber wer waren und sind die anderen? Männer und Frauen im Weltraum. Von Wostok1 über Mercury, Sojus und Apollo bis zu MIR und ISS. Zum Weltraumspaziergang check in here.

/Tour d´Amour

In Bruxelles liebte ich eine schüchterne Pralinenverkäuferin.

In London eine ziemlich gebildete Nymphomanin.

In Paris eine einfache Frau aus dem Volke.

In Zürich eine verwirrte Bibliothekarin.

In Veitshöchheim eine quirlige Quasselstrippe.

In Amsterdam eine Kirchgängerin mit lila Hütchen.

In Palermo eine geschiedene Frischgemüsehändlerin.

In Kassel ein Karriereweib mit Putzfimmel.

In Padua eine Pragmatikerin mit einer fatalen Neigung zum Obszönen.

In Deauville eine verkrachte Existenz mit roten Haaren.

In Cambridge eine Physikerin mit zwei linken Händen.

In Barcelona eine Revolutionärin mit Kopftuch.

In Weimar eine sächselnde Ex-Schönheitskönigin.

In Rom eine morphinsüchtige Gräfin.

In Prag eine Frau in weiß.

In Berlin eine tobsüchtige Vegetarierin vom Prenzlauer Berg.

In Manchester eine vergessliche Modistin.

In Madrid eine Primadonna mit untadeligen Manieren.

In Oslo eine perfekt gebaute Bierlokalkellnerin.

In Potsdam ein Vollweib mit allem Drum und Dran.

In Helsinki eine übergewichtige Rentierzüchtersgattin.

In Cannes eine Platinblonde mit Atombusen.

In Bukarest eine spätberufene Bildhauerin mit klobigen Pratzen.

In Brindisi eine Mannstolle im Faltenröckchen.

In Furth im Wald eine Gutgläubige mit strenger Mama.

In Tanger eine Exotin von Format.

In Edinburg eine rothaarige Furie mit immenser Erbschaft.

In Montreux ein durch und durch gschlampertes Luder.

In Pamplona eine Tapas-Köchin mit vier Kindern.

In Neustrehlitz ein Paradeweib mit Eigentumswohnung und Irish Setter.

In Kaliningrad eine russisch-orthodoxe Kolchosbäuerin.

In Dinkelsbühl eine versoffene Imbissbudenbesitzerin.

In Györ eine tagebuchschreibende Kammerzofe.

In Warschau eine tiefgläubige Phantastin.

In Glasgow eine kuriose Lebenskünstlerin mit abstehenden Ohren.

In Eckernförde ein stummes Kaufmannstöchterchen.

In Bilbao eine wankelmütige Schwarzhaarige.

In Ravenna eine Möchtegernhollywoodschauspielerin.

In Kopenhagen eine kunstbeflissene Egoistin.

In Furtwangen eine berechnende Hobbyphilosophin.

/In memory of the people of the Titanic

Vor 100 Jahren, am 14. April 1912, sank die Titanic.

An Bord: 2.200 Passagiere der 1., 2. und 3. Klasse und die Crew-Mitglieder.

In Erinnerung an diese Menschen – egal ob Verstorbene oder Überlebende – habe ich für jede einzelne Person eine Gedenk-Namenskarte geschrieben. Name für Name steht hier für ein ganzes, individuelles Leben. Die Namen basieren auf dem Buch von Tom McCluskie, Michael Sharpe und Leo Marriott: Titanic and her Sisters Olympic & Britannic, London 1998. Für einen optimalen Bildeindruck am besten den „Vollbild“-Modus wählen.

Die Crew

Passagiere 1. Klasse

Passagiere 2. Klasse

Passagiere 3. Klasse, britische Nationalität, eingeschifft in Southhampton

Passagiere 3. Klasse, nicht-britische Nationalität, eingeschifft in Southhampton

Passagiere 3. Klasse, nicht-britische Nationalität, eingeschifft in Cherbourg

Passagiere 3. Klasse, nicht-britische Nationalität, eingeschifft in Queenstown, Irland

/schöne tage in berlin

In Oberschönweide und in Hohenschönhausen.

In Schöneberg und in Schönefeld.

Am Schönauer Platz und in der Schönfließer Straße.

In Alt-Schönow und auf der Alten Schönhauser Straße.

Im Volkspark Schöneberg und im Schlosspark Niederschönhausen.

Auf der Schönhauser Allee und auf der Schönholzer Straße.

Im Rathaus Schöneberg und im Schloss Schönhausen.

Am Schönhauser Tor und in der Schönower Straße.

In der Schönstedtstraße und auf der Schönwalder Straßenbrücke.

Im Schönebergmuseum und auf dem Alten Schönefelder Weg.

Auf dem Schönerlinder Weg und in der Schönleinstraße.

In Hohenschönhausen und am Arnold Schönberg-Platz.

Auf der Schönerfelder Chaussee und auf der Schöneberger Brücke.

In Schöneiche und in Schöneweide.

/Mein Hörspiel „zukunft, re-visited“ jetzt auch auf CD zum Buch „Hörspielplätze – Positionen der Hörspielkunst“

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Krieg der Welten, Sie leben!, Formicula, The Fog – Nebel des Grauens: Das Hörspiel zukunft, re-visited versetzt uns in die stereotype Welt klassischer und zeit-genössischer utopischer Romane und Filme und beschäftigt sich auf sprachlich-spielerischer Ebene mit den immer wieder kehrenden Topoi solcher Stoffe. zukunft, re-visited versteht sich als Manual für die Produktion, als Bauanleitung für einen utopischen Roman und/oder Film, dessen Basis eben jene Stereotypien sind, die uns bei Genres dieser Art immer wieder faszinieren.

Konzeption, Text, Regie: Michael Kanofsky
Produktion: Tonstudio Holly Wien/Musik: S. Joly
Sprecher: Monika Freisfeld-Pampel, Wolfgang Pampel, Detlef Eckstein, Peter Wolfsberger
Länge: 14,56 Minuten

Das Hörspiel hat den 2. Preis beim Leipziger Hörspielsommer 2007 gewonnen.  Beim Berliner Hörspielfestival 2010 wurde zukunft, re-visited mit dem „Kurzen Brennenden Mikro – 3. Platz“ ausgezeichnet. zukunft, re-visited wurde  jetzt auch in der 20-Minuten-Langfassung  auf einer Sammel-CD zu dem Buch „Hörspielplätze – Positionen zur Hörspielkunst“ (Leipzig, 2011) veröffentlicht.

/Operation Overlord

eine worttopografie

namenlose dörfer

kleine ortschaften

verschlafene weiler

badeorte

städte

als die alliierten truppen am 6. Juni 1944 mit der landung in nordfrankreich zu einem der entscheidenden schläge gegen die nazidiktatur ausholten fanden viele der schlachten und scharmützel im rahmen der am 25. august mit der befreiung von Paris endenden operationen in und um zahllose ortschaften in der normandie und in der bretagne statt

so manche namen wie dünkirchen caen oder cherbourg kennt man aus dem geschichtsunterricht

aber was ist mit den vielen anderen orten (und den menschen die dort lebten) die namenlos geblieben sind

im rahmen meines worttopografieprojektes d-day habe ich diese namen im sinne eines künstlerischen erinnerungsprozesses als textzeichen bewahrt

schreibweise und visuelles erscheinungsbild wurden dabei behutsam verfremdet auf die französischen akzentzeichen wurde bewusst verzichtet

als quelle diente mir das hervorragende buch „D-Day“ von Antony Beevor, London 2009

besuchen sie d-day/operation overlord hier (am besten im Vollbildmodus).

/Ausnahmezustand

Seit ich unter erheblichen Zwischenhocheinfluß geraten bin, ist nichts mehr wie es war. In meinem Hirn nisten bunte Luftballone. In meinen Ohren klingt unentwegt die Neunte von Ludwig v.B. Mein Blick ist stierig geworden oder glasig, ganz wie Sie wollen. Mein Gang ist watschelnd. Unsicher, geradezu stümperhaft komme ich daher. Meine Zunge hängt mir aus dem Mund. Die Knie zittern. Mit meinen Segelohren sehe ich aus wie ein Dorfdepp. Das Hoch heißt Christina, es ist brunette und mit einer kollossalen Oberweite ausgestattet. Wirklich beeindruckend.

Über Caracas tobt der Taifun. In Vietnam Dürre. In Miami schlottern die Rentner im Eisregen. In Mozambik kommen Heuschrecken vom Himmel. Und in Leobersdorf machen die Schafe dummes Zeug. Gegen die Luftballone könne man nichts machen, sagt der Herr Doktor. Solange es keine blauschwarzen sind, sei nichts zu befürchten, sagt der Herr Doktor. Ich erwarte Tief Peter. Wenn die Kaltfront kommt, verschwinden die Luftballone aus dem Kopf und es ist wieder Platz zum Denken. Im Moment hat allerdings ein heftiger Antizyklon das Sagen. Vergeblich suche ich den Himmel nach Stratocumulus&Co. ab. Nichts. Keine Spur davon. Und in Miami laufen die Leut Schlittschuh! Wie soll man sich unter diesen widrigen Umständen den ungeklärten Fragen der Föhnforschung widmen? Wenn das Packeis schmilzt, haben wir auch im Café Prückel nichts mehr zu lachen. So viel steht fest. Und niemand will sich mehr an die Bauernregeln halten, am allerwenigsten die Bauern selbst mit ihren Steckrüben und Kohlköpfen. In Trinidad hält man Rum für das beste Rezept gegen Klima-Unbill, in Nairobi dürfen die Frauen bei miesem Wetter Seifenopern im TV anschauen, die Herren der Schöpfung rennen derweil ins Puff und kommen krank nach Hause zurück in die Strohhütte, die Inuit versorgen sich mit Robbenfleisch, so lange noch Zeit dazu ist. Katastrophales Wetter in Rheinland-Pfalz: Hagelkörner in Straußeneigröße kommen laut BILD herunter und sorgen für Chaos auf den Straßen. Verabredungen platzen, Termine scheitern, Autos suchen Geborgenheit auf dem Standstreifen. Die Feuerwehr muß ausrücken. Saufen sei jetzt ganz schlecht, sagt der Herr Dottore. Man müsse abwarten. Liebe sei vielleicht zu empfehlen. Lange Spaziergänge. Auf keinen Fall gebe man sich kunsthistorischen oder philosophischen Betrachtungen hin, und unter gar keinen Umständen der Dichtkunst. Als Föhnforscher sei ich ohnehin besonders gefährdet, sagt der Gott in weiß.

An der Wetterstation in Königsberg beziehungsweise Kaliningrad hält man sich kategorisch an keinerlei Vorhersagen. Auf der Zugspitze spielt das Barometer verrückt. Der Hygrometer in Binz auf Rügen ist ausgefallen. Die Diplommeterologin als Ahungslosigkeit in Person. Hauptsache, die Bluse sitzt. Im Beisl bestelle ich mir ein Krügerl und ein Schweinscordon mit allem Drum und Dran. Auf keinen Fall werde ich klein beigeben. Tropisches Reizklima, na und! Her mit dem Blunzengröstl! Die NASA schießt Spezialsatelliten in den Orbit, denen nichts mehr entgeht. In Bejing wischt sich der Große Vorsitzende den Schweiß von der Stirn. Die Wetterfee ist blond und knackig und im vierten Monat.

Im Beisl schwirren die Rauchschwaden wie Cirruswölkchen über der Schank. Ob ein Schnapserl hilft, das Schweinscordon ordnungsgemäß in den Stoffwechsel zu bringen? Der Wirt sagt, wenn der Polarbär seine Heimat verliert, könne auch er seinen Laden hier dicht machen. Das Klima stimme nicht mehr. Weder am Pol noch in Wien-Hernals. Überall Wetterstürze, Störungen, Erwärmungen. Und auf der Hohen Warte feiern sie das Sauwetter mit schweinischen Witzen. Die Prognose sei nicht schlecht, sagt der Herr Doktor. In einer Woche, vielleicht auch in zwei würde alles anders aussehen, sagt der Weißkittelakademiker, zu dem ich nun schon seit 15 Jahren wegen meiner vielen unerträglichen Zipperlein renne. Die Sprechstundenhilfe des Quacksalbers hat ein Gesicht wie ein Wetterfrosch. Im Wartezimmer summt die Klimaanlage. Die Patienten haben dunkle Schweißflecken unter den Achseln. An der Wand ein anatomischer Querschnitt, der für Hypochonder wie mich nicht gerade das Wahre ist. Die ausliegende Presse ist zwei Jahre alt. Diese Monaco-Prinzessin hat auch schon mal besser ausgesehen. Als Föhnforscher steht man immer kurz vor dem Irrsinn. Aber unser Herr Dottore beruhigt. Alles halb so wild. Das Mikroklima wirkt direkt auf die Hypophyse, das sei nun einmal eine erwiesene Tatsache. In Washington tanzen Kinder in einem Brunnen. Ein Hydrant speit Wasser. Ein Rentnerehepaar kollabiert in seinem Wohnwagen in Stockton, Ohio. Der Wirt sagt, wenn das so weiter geht, würde er mit der Kellnerin auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Timbuktu. Onewayticket. Trockenes Wüstenklima. Ungesund zwar, aber immer noch besser als das Klima hier in diesem Land. Mit der Kellnerin hätte er schon gesprochen, sagt der Wirt, und seiner Frau würde er noch rechtzeitig Bescheid geben. Am Abreisetag. Der Umweltminister hält eine Rede vor Klimaexperten. Ja. Nein. Man werde alles tun. Selbstverständlich. Die Werte müssen runter. Die Parameter geändert werden. Vielen Dank, meine sehr verehrten Damen und Herren. Das Schweinscordon liegt schwer im Magen. Noch ein Krügerl, bitte. Die Polkappen sehen gar nicht gut aus im Fernsehen. Das Walroß denkt sich seinen Teil und taucht in tiefere Gewässer ab. Der Eskimo haut seinem Jungen eine runter, weil der schon zum fünften Mal mit der Harpune auf die Großmutter geschossen hat. In Ostbengalen bricht ein Vulkan aus, dessen Namen weder ich noch der Wirt aussprechen kann. Die Kellnerin hat einen strammen Hintern. Keine Ahnung, warum ich ausgerechnet Föhnforscher geworden bin. Ich finde immerhin, die Tätigkeit harmoniert ausgezeichnet mit meinen Segelohren und meinem Watschelgang. Der Wirt stellt einen Ribisellikör auf den Tisch und kneift der Kellnerin in den Hintern. Die Großwetterlage bleibt unverändert, dröhnt es aus dem Radioapparat, und ich mache, dass ich davon komme.

Unter der Schädeldecke stauen sich die Luftballone. Der Mund ist trocken. Die Augen brennen. Das Schweinscordon ist ebenso in Arbeit wie die Auslage des Dessousgeschäftes, an dem ich gerade vorbei komme. Werden diese Bikinis tatsächlich immer knapper? Allerdings paßt der Stringtanga am besten zur jetzt herrschenden meteorologischen Gesamtsituation, sicher besser als mein T-Shirt, das sich unangenehm schweißtreibend auf den mit Schweinscordonbleu gefüllten Bauch preßt. Ob die Wetterfee einen Freund hat? Immerhin soll sie schwanger sein. Sagt man. Die globale Erwärmung ist auch Thema in der Regierungssitzung. In den Regenwälder singen die Kakadus, und die Großgrundbesitzer brennen alles nieder. Ein Wetterexperte aus Italien gibt einen Überblick über die Situation. Tabellen. Schaubilder. Diagramme. Mir schwirrt der Kopf. Vielleicht hilft eine kalte Dusche. Im Kühlschrank gähnende Leere. Das Erdbeermarmelade: verschimmelt. Die Extrawurst: verdorben. Der Almkäse: vertrocknet. Wenigstens ist noch Bier im Haus. Sehen sich diese beiden Wetterfeen wirklich so ähnlich oder handelt es sich um eine optische Täuschung, verursacht durch Hoch Christina?

Im Kaukasus hat das Tauwetter zu Problemen auf den Ölfeldern geführt. Der Vorarbeiter scheißt einen zusammen, der gar nichts dafür kann, und die Bosse der Ölcompany sind stinksauer. Hundewetter. Scheißwetter. Dreckwetter. Und bei uns? Der Wetterdienst spricht von anhaltender Hochdrucklage. Und jeder Föhnforscher sei dazu aufgerufen, an der Lösung des Problems mitzuhelfen. Auf CNN ist das Wetter besser. Da geht es um die ganze Welt, nicht nur um einen geografischen Ausschnitt. Von Adnang-Puchheim nichts zu sehen. Dafür eine hübsche Animation von diesem Taifun in Caracas, der ganze Häuser vom Erdboden gesaugt hat und bereits 300 Menschen auf dem Gewissen haben soll. In einer Turnhalle verzweifelte Gesichter. Es gibt Maisbrei und Wasser. Die Frauen sind besorgt. Die Männer raufen sich die Haare. Wenn der Wirt geht, wo soll ich dann mein Schweinscordon essen? Ob es inzwischen wieder mobile Klimageräte gibt? Vielleicht noch einmal zum Herrn Doktor?

Draußen auf der Straße kein Mensch zu sehen. Staubiger Asphalt. Flirrende Luft. Gleich kommt Gary Cooper um die Ecke. Ich schmeiße eine Aspirin in ein Glas Wasser und warte ab. Ein armer Teufel hat sich in der Bronx mit einem Feuerwehrmann angelegt, der einen offenen Hydranten wieder zudrehen wollte. Wahnsinn. Die sind nicht gerade zimperlich in den Staaten. Zack. Peng. Im Kulturkanal ein Film über ungewöhnliches Wetterleuchten. Und die Wohnung schaut aus wie nach einem Erdrutsch. Eine große Moräne aus Wäschestücken hat sich über dem Sofa ausgebreitet. Auf dem Fußboden Staubmäuse in der Größe geklonter Mutanten. Im Badezimmer sorgen 16 (in Worten: sechszehn) Paar ebenso unsortierter wie ungewaschener Socken für ein Raumklima ganz eigener Art. Der Mülleimer hat frappierende Ähnlichkeit mit jener Müllkippe, die gestern in den Nachrichten präsentiert wurde, nur die Möwen fehlen. Es ist acht Uhr am Abend und noch immer so heiß wie am Mittag. Wenn der Föhn zusammenbricht, werde ich ein Faß aufmachen. Hoffentlich gibt´s das Beisl und den Wirten dann noch und die Kellnerin und die Frau des Wirten. Morgen wird jedenfalls ein Kältespender gekauft. Irgendwo muß ja noch einer aufzutreiben sein.

/Der Taube, der Höfliche, der Dumme und der Belgier

Der Taube ist klein und schmächtig. Er trägt einen silbrigen Bart und eine randlose Brille. Sein Gang ist gebückt. Seine Stimme ist leise. Seine Bewegungen sind fahrig. Sein ganzes Äußeres wirkt, als wolle er, dass ihn niemand wirklich wahrnähme. Der Taube hört so schlecht, dass die Gäste des Kaffeehauses ihre Wünsche immer dreiviermal wiederholen müssen, bis sie der Taube endlich verstanden und die abgegebenen Bestellungen mit kritzeliger Schrift seinem schmalen, abgegriffenen Papierblock anvertraut hat.

Der Höfliche dagegen ist lang und dürr. Sein Gehör ist ausgezeichnet. Meist trägt er weiße Schuhe und Hosen mit Pepitamuster. Auch er hat eine Brille. Allerdings ist die Brille des Höflichen nicht randlos wie die des Tauben. Sondern schwarz mit sehr dicken Brillengläsern. Der Höfliche ist etwas jünger als der Taube. Seine Bewegungen gleichen denen eines Wiesels. Der Höfliche heißt deshalb der Höfliche, weil er die Gäste stets freundlich begrüßt und die Bestellungen mit Höflichkeitsfloskeln wie „Bitte der Herr“, „Das Kalbsbeuscherl, der Herr“ oder Das Gulyás, bittesehr, die Dame“ kommentiert, ja geradezu genussvoll untermalt.

Zwischen dem Höflichen und dem Tauben scheint es eine Art von stiller Übereinkunft zu geben: Je leiser, je ruhiger und unauffälliger sich der Taube den Gästen gegenüber verhält, desto lauter und aufdringlicher lässt der Höfliche seine Höflichkeitsformeln ertönen.

Es scheint, als würden sich der Taube und der Höfliche nicht besonders gut leiden können. Denn nur selten sieht man sie ein Wort miteinander wechseln.

Auch hält sich der Taube immer bewusst abseits, wenn der Höfliche an seinen freien Tagen in das Kaffeehaus kommt, um an einem der beiden Billardtische eine Runde Pool zu spielen. Ein ganz ungewohnter Anblick übrigens, weil der Höfliche dann gewissermaßen als Gast und nicht als Ober im Kaffeehaus anwesend ist und weil er zu diesen Anlässen – entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten – keine weißen, sondern dunkelbrauen Schnürschuhe, enge schwarze Hosen und ein zweireihiges Sakko trägt, ganz so, als wäre er der Herr Doktor oder der Herr Kommerzialrat und nicht der Kellner, den man den Höflichen nennt.

Mit dem Belgier versteht sich der Taube allerdings sehr gut. Oft sieht man die beiden beieinanderstehen. Sie lachen dann und unterhalten sich. Wobei der Taube immer ganz nah an den Belgier herantritt, um nur ja kein Wort zu überhören, und der Belgier im Gegenzug sehr laut und mit etwas übertrieben wirkender Deutlichkeit direkt in das linke, offenbar noch etwas besser funktionierende Ohr des Tauben spricht.

Natürlich kommt der Belgier nicht aus Belgien, sondern stammt aus Favoriten. Aber: In seinem Leben als Kellner war der Belgier sehr viel in der Welt herumgekommen. Deutschland. Schweiz. England. Und eben auch Belgien, wo er fünf Jahre in Brüssel lebte und in einem (damals wohl berühmten) Muschelrestaurant namens „Mes Amis“ als Chef de rang gearbeitet hatte.

Der Belgier hat eine breite und kräftige Statur. Seine Bewegungen sind stets korrekt und maßvoll. Die Bestellungen der Gäste nimmt er ruhig entgegen, wiederholt sie leise, ohne sie aufzuschreiben. Er hat ein gutes Gedächtnis. Manchmal gibt der Belgier französische oder flämische Ausdrücke zum Besten, wenn er sich, was allerdings nur sehr selten vorkommt, eine kleine Weile mit den Gästen unterhält. In solchen Momenten umweht den Belgier ein Hauch von Abenteuer und weiter Welt. Man sieht ihn dann direkt vor sich, wie er, ein junger Mann von zwanzig Jahren, mit einem braunen abgewetzten Koffer in der linken Hand, an der Brüsseler Gare du nord ankommt, den Bahnsteig entlanggeht, um dann mit der Metro zur Grande Place zu fahren, wo er in einer kleinen Seitengasse das „Mes Amis“, seinen neuen Arbeitsplatz, zu finden gedenkt.

In Wien hatte der Belgier alles zurückgelassen: Seinen Vater, einen kleinen Beamten der österreichischen Bundesbahn, seine Schwester Agnes und seine kleine Freundin Sidonie, die ihm am Westbahnhof mit Tränen in den Augen nachgewunken hatte. Ich muss hinaus in die Welt, hatte er damals gesagt. Aber ich werde zurückkommen. Bestimmt.

In seinem erlernten Beruf, Kellner, war es seinerzeit durchaus üblich in die Welt hinauszuziehen, zu lernen, und häufig den Arbeitsplatz zu wechseln. Menschenkenntnis ist das A und O des Kellnerberufs, pflegte der Belgier zu sagen, und wo lernt man die Menschen besser kennen, als draußen in der Welt, fernab der Heimat? An dieser Stelle mischt sich oft der Dumme ein, wie der Taube, der Höfliche und der Belgier Kellner in diesem Kaffeehaus, allerdings weniger aus Passion, denn aus reinem Zweckdenken. Kellnern, Dienen und Bedienen, das war für den Dummen ein Beruf wie jeder andere. Wozu braucht’s da Menschenkenntnis? Kein Wunder, dass sich der Belgier (und der Taube, der zum Belgier hielt) und der Dumme (natürlich Seite an Seite mit dem Höflichen) von Zeit zu Zeit in die Haare gerieten. Die Gäste des Kaffeehauses merkten dies dann weniger an lauten Wortwechseln als vielmehr daran, dass sie auf ihre Bestellungen etwas länger warten mussten als sonst.

Der Dumme, er ist in der Neubaugasse aufgewachsen und später mit den Eltern in den 9. Bezirk übersiedelt, hat Wien so gut wie nie verlassen. Lediglich einmal war er in Baden und zweimal in Krems, wo er eine alte Tante besucht hatte. Ansonsten bewegte sich der Dumme – und das nunmehr dreiundsechzig Jahre alte Leben des Dummen – auf genau abgezirkelten Pfaden zwischen dem 9. Bezirk, wo er allein in einer kleinen Gemeindewohnung lebte, und dem 13. Bezirk, seinem Arbeitsplatz, dem Kaffeehaus.

Da ist es wohl kaum verwunderlich, wenn der Dumme mit solch weltläufigen Orten wie Gare du nord oder der Grande Place oder dem Park von Tervuren relativ wenig anzufangen wusste. Dem dummen war’s gleichgültig. Soll er doch herumgekommen sein in der Welt, der Belgier! Er ist schließlich doch wieder hier im 13. Bezirk, hier im Kaffeehaus gelandet! Wozu also wegfahren, verreisen, alles zurücklassen? Wozu das alles? Der Dumme drehte sich um, wickelte sein weißes Serviertuch entschlossen um seinen rechten Arm und ging zur Ausgabetheke in der Küche.

Der Höfliche dagegen war eifersüchtig auf den Belgier. Denn wie der Belgier hatte auch der Höfliche schon einmal im Ausland gearbeitet. In München. Als Aushilfskellner in einem großen Lokal in der Nähe des Bahnhofes. Natürlich: Dort war nicht so sehr die große Welt zuhause als vielmehr die Welt der Diebe, Hehler und Zuhälter. Das Lokal, in dem der Höfliche damals gearbeitet hatte, erwies sich tatsächlich als Brutstätte des Verbrechens. Als Sumpf der Großstadt, in dem sich Tag für Tag und Nacht für Nacht allerlei Strandgut der Gesellschaft einfand. Und beinahe wäre auch der Höfliche in diesen durchaus faszinierenden Strudel der Kriminalität geraten, hätte ihn nicht einer seiner entfernten Verwandten, ein Onkel aus Stadlau, eines Tages wieder nach Wien zurückgeholt.

Der Taube hegte für den Belgier offene Bewunderung. Brüssel. Die feine Weltstadt. Die verschwiegenen Gassen mit ihren einladenden Lokalen. Die blauweißgestreiften Markisen. Im Sommer die Bistro-Tische auf den Gassen vor den Lokalen. Das sonnenheitere Geklapper der Tassen und Teller, Gläser und Bestecke. Die gutgekleideten Damen. Die Welt der Adligen. Der Fürsten. Der Gourmets. Das Atomium in der Ferne am abendgrauen Horizont. Die großen Parkanlagen. Die Rue du Taverniers mit ihren einladenden Geschäften für den gehobenen Geschmack.

Der Taube konnte dem Belgier stundenlang, oder besser, in Anbetracht der angestrengten Arbeitssituation im Kaffeehaus, die nur wenige Pausen zuließ, minutenlang zuhören, wenn er von den verschiedenen, über halb Europa verteilten Restaurants, Bistros und Kaffeehäusern berichtete, in denen er seinem Beruf schon nachgegangen war. Dem Tauben war es egal, ob es sich dabei um Belgien handelte oder um die Schweiz oder um England. Die Erzählungen des Belgiers färbten den grauen Alltag des Tauben. Entführten ihn für Minuten, für Viertelstunden in eine Welt, die ihm unbekannt war. Denn wie der Dumme war auch der Taube nicht weit herumgekommen. Gut, er hatte, bevor er hierher in das Kaffeehaus kam, in einigen mehr oder weniger bekannte, teils sogar recht guten Restaurants gearbeitet, in Wien, in Salzburg, in Bregenz. Einmal sogar in einem Alpengasthof hoch oben auf der Steinseer-Höhe. Das war in den frühen fünfziger Jahren, als noch verhältnismäßig wenig Touristen in die Berge kamen.

Seit nunmehr sechszehn Jahren war der Taube aber schon hier in diesem Kaffeehaus beschäftigt. Der Dumme brachte es sogar auf neunzehn Jahre, während der Belgier mit acht Jahren sozusagen noch immer ein Neuling war, knapp gefolgt vom Höflichen mit einer nun zwölfjährigen Dienstzeit.

Der von der Chefin sorgfältig ausgeklügelte Arbeitsplan der Kellner brachte es mit sich, dass alle vier Kellner immer abwechselnd miteinander in einer Schicht arbeiteten. In der ersten Woche bedienten der Taube und der Belgier gemeinsam in der Früh-, der Dumme und der Höfliche in der Spätschicht. In der zweiten Woche war es genau umgekehrt, in der dritten Woche teilten sich der Belgier und sein auf ihn eifersüchtiger Kollege, der Höfliche, die Spätschicht, während der Taube und der Dumme gemeinsam in der Frühschicht arbeiteten. Die vierte Woche schließlich war die psychologisch schwierigste und für die Chefin deshalb auch anstrengendste Woche. Denn da mussten der weltläufige Belgier und der Dumme eine Schicht gemeinsam bestreiten, und der Taube und der Höfliche, die sich ebenfalls nichts oder jedenfalls nicht allzu viel zu sagen hatten.

So sehr sich die Chefin, Frau Maria, auch bemühte, die einzelnen Charaktere ihrer Kellner, ihre diversen Schwächen und Vorlieben, ihre gegenseitige Zu- oder auch Abneigung, ihre Eifersüchteleien und kleinlichen Streitereien, in eine einigermaßen erträgliche Ordnung zu bringen, nie gelang es ihr wirklich, die Schichten so einzuteilen, dass alle zufrieden waren. Lediglich in der ersten Woche waren die Arbeitsschichten einigermaßen so besetzt wie sich das die Kellner wünschten. Kein Wunder, dass Frau Maria ihre vier Kellner mit verwöhnten Operndiven verglich.

Frau Maria hatte das Kaffeehaus von ihren Eltern übernommen und Mitte der sechziger Jahre neu ausmalen lassen. Das Kaffeehaus lag an einer großen Ausfallstraße, die zur Westautobahn (und so letztlich irgendwie auch nach Brüssel, London oder Zürich) führte. Es war ein sehr altes Kaffeehaus. Mit hohen Decken, großen Lüstern, Statuen auf Podesten und Stammgästen, die seit vielen Jahren hier ihr Mittagessen oder ihren kleinen Braunen einnahmen. Es gab ungefähr dreißig Tische im Kaffeehaus, davon sechs Kartenspieltische. Die meisten der Stammgäste hatten natürlich auch ihren Stammplatz im Kaffeehaus. Diese Stammplätze waren zu den betreffenden Zeiten für andere Gäste gesperrt. Das war eine eiserne Regel, an die sich jeder, Gäste wie Kellner, stillschweigend hielten. Oben auf der Empore, dort wo auch die Kartenspieltische stehen, ist zu Beispiel der Stammplatz von Dr. Horvath. Jeden Tag, kurz vor halb eins, deckt der Belgier (oder wer von den anderen Kellnern eben an der Reihe ist) den Tisch von Dr. Horvath neu, stellt Besteck, Gebäckkorb, Salz- und Pfeffer-Streuer bereit und legt eine Auswahl verschiedener Tageszeitungen dazu. Dr. Horvath hatte sogar eine eigene Kaffeehaus-Lesebrille. Er trug sie nur hier, und entsprechend deponierte der Belgier (oder einer der anderen Kellner) das abgenutzte rotbraune Etui mit der Lesebrille von Dr. Horvath jeden Tag kurz vor halb eins sorgfältig zwischen dem Gebäck-Korb und dem Stapel Tageszeitungen.

Zur Mittagszeit besuchten auch viele Schüler und Schülerinnen aus der näheren Umgebung das Kaffeehaus. Meist verbrachten sie ihre Zeit mit Hausaufgaben, Eisteetrinken und (wie üblich ins Leere führenden) Gesprächen über das jeweils andere Geschlecht.

Mit den jungen Leuten fühlte sich der Belgier am wohlsten – und er war froh, wenn er in der Frühschicht arbeiten konnte. Denn die jungen Leute kamen immer gegen Mittag, nach Schulschluss, und blieben meist eine gute Stunde. Er bediente dann noch schwungvoller als zu anderen Tageszeiten und betrachtete sehnsüchtig das eine oder andere junge Mädchen. Oft fragte er sich, ob die oder die oder die junge Dame auch noch in fünf, fünfzehn oder zwanzig Jahren hierher ins Kaffeehaus kommen würde, so wie die alte Frau Eisenstaedt, die schon seit der Zeit Stammgast ist, als er noch in der Schweiz im „Carlton“ arbeitete, und die stets rechts neben dem schmalen Durchgang zur Küche sitzt. Wie würde dann wohl das Gesicht des jungen Mädchens aussehen, das immer mit einer Freundin ins Kaffeehaus kommt und nie etwas anderes bestellt als einen Tee mit Zitrone?

Wie die Zeit vergeht, dachte der Belgier, und beim Anblick des schönen Mädchens, das da so angeregt mit seiner Freundin plauderte, erinnerte er sich zurück an seine Zeit im „Mes Amis“. Monsieur Jaques fiel ihm ein, der Oberkellner, und Madame Zeuze, die Garderobenfrau und Van Stratelen, der Chef des Lokals. Lernen Sie, junger Mann, lernen Sie hatte Van Stratelen zu ihm gesagt, dann gehört die Welt Ihnen. Worauf er ihn in die Küche schickte, wo er Jean, einen großen Schwarzen aus dem Kongo beim Geschirrabwaschen helfen musste. Jean war der stärkste Mann, dem der Belgier je begegnet war. Nicht einmal die Ringer am Heumarkt in seiner Heimatstadt Wien wären diesem Bären gewachsen gewesen. So furchterregend Jean auch aussah, so nett und freundlich war er zum Belgier. Jean half ihm, sich in der großen Stadt zurechtzufinden, und oft gingen sie nach der Arbeit auf ein kühles „Stella Artois“ in die nahegelegene Brasserie „Bleumel“. Jean erzählte dann vom Kongo. Und der Belgier hörte mit großen Augen und noch größeren Ohren zu. Der Kongo, der ist schwärzer noch als ich, sagte Jean, schwarz wie die Nacht und schön wie eine Königin.

Jahre später erfuhr der Belgier, dass Jean von einem Lastwagen auf der Rue Balzac überfahren worden war. Die Garderobiere aus dem „Mes Amis“, Madame Zeuze, hatte es ihm geschrieben, als er längst schon in London war. Der Unfall war passiert, nachdem Jean mit einem anderen Mann in Streit geraten war. Offenbar ging es bei diesem Streit um die politische Zukunft der belgischen Kolonien in Afrika. Jean, kräftig wie er war, hatte den Mann niedergeschlagen und war dann, auf der Flucht vor den von Passanten herbeigerufenen Flics, über die Grande Place zur Rue Balzac gelaufen. Und dort hatte ihn ein Lastwagen gestreift. Ausgerechnet ein Lieferwagen der „Stella Artois“-Brauerei, deren Bier Jean und der Belgier so gerne getrunken hatten. Er erinnerte sich, wie er an jenem Abend geweint hatte. Er war gerade vom Dienst im „King’s Restaurant“ nach Hause gekommen. Er wohnte damals in einem kleinen Mansardenzimmer in der Letham Street, Ecke Milton Road. Als er die Tür zu seinem Zimmer öffnete, lag der Brief von Madame Zeuze vor ihm auf dem Fußboden. Lieber Ludwig, begann der Brief, denn Ludwig, so hieß der Belgier.

Der Belgier stellte eine Melange auf den Tisch vor den Herrn Diplom-Ingenieur. Wie geht es uns heute, Ludwig? fragte der Herr Diplom-Ingenieur. Und Ludwig fragte zurück, ob er, der Herr Diplom-Ingenieur, nicht auch fände, dass die Zeit in diesem Jahr noch schneller verging als im letzten? Eine Frage, die der Herr Diplom-Ingenieur mit einem Nicken bejahte und ein „Sie sind ja noch jung, Herr Ludwig“ hinzufügte.

Jung, jung! Was heißt das schon! Jung ist sie dort, dachte Ludwig und blickte hinüber zu dem Mädchen am Fenster. Jung war ich damals im „Mes Amis“ und in London und in der Schweiz.

In einer Stunde würde die Frühschicht zu Ende sein, die er sich in dieser Woche (was für ein Glück) mit dem Tauben teilte. Eigentlich kannte er den Tauben kaum, dachte der Belgier, dabei sind wir nun schon acht gemeinsame Jahre hier in diesem Kaffeehaus damit beschäftigt, den Gästen ihre Melange oder ihren Tagesteller oder ihr Achterl Wein zu servieren. Wie die Zeit vergeht!

Der Taube bediente heute oben auf der Empore. An den Spieltischen herrschte reger Betrieb. Kolberger, Bauer, Hoziel und Winterstein spielten Bridge. Dr. Anders und der Geheimrat grübelten über einer Schachpartie. Daneben lief eine Runde Tarock mit drei jüngeren Leuten, die weder der Taube noch der Belgier je zuvor hier im Kaffeehaus gesehen hatten.

Die jungen Leute machten sich über den Tauben lustig, weil der so schlecht hörte, und entgegen allen sonst in diesem – wie auch in anderen Kaffeehäusern der Stadt – üblichen Gepflogenheiten, benahmen sich die drei jungen Leute laut und unflätig.

Schon blickte Frau Eisenstaedt strafend und böse von ihrem Stammplatz rechts neben dem schmalen Durchgang zur Küche nach oben zum Spieltisch, wo die jungen Leute lärmten.

Als der Taube an ihrem Tisch vorüberkam, zupfte Frau Eisenstaedt, eine ehemalige Modistin, ihn am Ärmel: Kein Benehmen, diese Leute. Wie bitte, gnä‘ Frau? fragte der Taube , sich weit nach vorn zur Eisenstaedt beugend. Kein Benehmen! Der Taube nickte zustimmend und notierte die Bestellung der alten Dame, die er seit sechzehn Jahren bediente: einen Mokka und einen Cognac.

In der Küche, bei der Ausgabetheke, stand der Belgier und verschnaufte gerade ein wenig. Der Taube stellte sich zu ihm, bestellte den Mokka und den Cognac für Frau Eisenstaedt, zwei Menü, vier Seidel Bier und eine Melange für oben und schimpfte dann über die jungen Leute am Spieltisch. Warum hab‘ ausgerechnet ich immer solche unmöglichen Gäste? Du musst zugeben, sagte der Belgier laut zu seinem schwerhörigen Kollegen, dass nur sehr selten solches Gesindel den Weg zu uns findet, die gehen bestimmt bald wieder.

Der Belgier konnte diese arroganten, dummen jungen Leute nicht leiden, die hierher kamen, um mit ihrem Lärm und flegelhaften Benehmen das in Jahren wohlgeordnete stille Gefüge seines, jawohl, seines Kaffeehauses so nachhaltig zu stören.

Nur einmal, erinnerte er sich, war er mit Gästen in Streit geraten. Das war in London gewesen, und ist nun bald zwanzig Jahre her. Er bediente damals im „King’s Restaurant“, einem sehr feinen Lokal. Die meisten Gäste dort arbeiteten an der Börse. Es war Mittag, und das Lokal war bis auf den letzten Platz besetzt. Er kam mit dem Aufnehmen der Bestellung und dem Servieren kaum nach. Ein Pint, bitte! Das Tagesmenü! Ein Stout! Einen Weißwein! Ist die Scholle auch frisch? Wo bleibt die Suppe? Von überall her schallten Bestellungen auf ihn ein. Wo sein Englisch doch noch immer sehr zu wünschen übrig ließ. Aber er bemühte sich fleißig, und seine netten Kollegen, allen voran der alte George, halfen ihm, wo sie nur konnte.

Und dann passierte es. Ausgerechnet bei Chester Owen, diesem Schönling und Stammgast des Hauses, einem fiesen Emporkömmling und ausgemachten Schlitzohr. Ludwig, damals gerade vierundzwanzig Jahre alt und noch reichlich unerfahren im Umgang mit den Reichen und Schönen dieser Welt, ließ eine Karaffe Weißwein fallen. Genau auf den Tisch von Chester Owen. Bang! Für fünf unerträgliche Sekunden war es mucksmäuschenstill im „King’s“, und alle Gäste, so schien es Ludwig, starrten herüber zum stadtbekannten Chester Owen, dessen Foto erst gestern wieder den Wirtschaftsteil der „Times“ zieren durfte und diesem jungen, ungeschickten AUSLÄNDER, der nichts anderes im Sinn hatte, als guten alten Soave auf Mister Owens Tisch zu verschütten! Der Belgier sah es noch wie heute vor sich: Das Gesicht von Chester Owen, den alten George, der ihm zu Hilfe geeilt war, sich selbst, wie er am Boden unter Chester Owens Tisch kauerte und den Weißwein zwischen dessen Beinen aufzuwischen versuchte. Natürlich kam es dann zu einem heftigen Wortgefecht, aus dem der Belgier als eindeutiger Verlierer hervorging. Zwar verteidigte er sich unter Hinweis auf den Betrieb im Lokal, seine Jugend und Unerfahrenheit, aber Owen ließ sich auch vom alten George, obwohl er den ja schon seit Jahren kannte, nicht davon abhalten, Mister Heseltine, den Manager des „King’s“ rufen zu lassen. Glücklicherweise mochte auch Mister Heseltine Chester Owen nicht besonders, und so ging die Geschichte für den Belgier einigermaßen glimpflich aus.

Der Taube nahm das Tablett mit dem Mokka und dem Cognac und den anderen Bestellungen und ging wieder hinein zu seinen Gästen. Der Belgier trank ein Glas Mineralwasser, nickte Frau Maria, die hinten in der Küche stand, freundlich zu, und zog dann sein Kellner-Jackett aus. Die Frühschicht war zu Ende. Er (und der Taube) konnten nun nach Hause gehen, während für den Höflichen und den Dummen die Spätschicht begann, die bis dreiundzwanzig Uhr dauern würde.

Der Belgier wohnte im 8. Bezirk. In der Laudongasse. Wie seine drei Kollegen lebte auch der Belgier allein. Liebe, hatte er das eigentlich je kennengelernt? Da war die Sidonie, die ihm am Westbahnhof nachgeweint hatte, damals als er wegging von Wien. Er hatte Sidonie nie vergessen. Auch wenn er sie seit damals nicht mehr wiedergesehen hatte.

Damals war alles so schnell gegangen. Der Abschied von Zuhause, von Sidonie, von Wien, seinen vertrauten Gassen und Plätzen, seinen Freunden. Und ob das mit Sidonie je mehr war als eine Laune der Jugend, das wusste der Belgier bis heute nicht.